Wellness-Markt: Quo vadis?
Auf der Frühjahrstagung der „Wellness- Hotels Deutschland“ (WHD) Ende April in Füssen diskutierten Experten aus der Branche über die Zukunft des Wellness-Marktes. spa concept fasst die Ergebnisse für Sie zusammen.
Unter der Leitung von Dr. J. Jürgen Kagelmann (Dozent für Tourismuswirtschaften an der Universität München) diskutierten:
- Maria Pütz-Willems (Journalistin und Editor in Chief – hospitalityinside),
- Dr. Mark Richter (Bereichsleiter Gesundheit, Wellness, Spa für die A-Rosa- Resorts,
- Alfons Schnieder (Mitgründer der Wellness-Hotels Deutschland und Eigentümer des Landhotels Jammertal),
- Dipl.-Btw. Jörg Hidding (Inhaber der Aktiv Consult Unternehmensberatung)
über die Entwicklung des Wellness-Marktes bis zum Jahr 2015.
Die allgemeine Entwicklung. Nach wie vor, so Maria Pütz-Willems, werde der Begriff Wellness inflationär gebraucht. In den USA und Asien würden die Begriffe Wellness und Spa dagegen weitgehend synonym genutzt. Allerdings herrsche, vor allem in den USA, ein eklatanter Mentalitätsunterschied: Amerikanische, europäische und deutsche Spas differieren hier erheblich.
Mark Richter erwartet zukünftig eine höhere Anzahl aktiver Wellness-Gäste, die sich Spaß in Verbindung mit Genuss wünschen. Alfons Schnieder dagegen betonte, in Zukunft müsse ein Wellness-Hotel vor allem über eine definierte Mindestgröße und ein Mindestangebot verfügen. Die Masse der jetzigen „Wellness“-Häuser habe für ihn keine Zukunft, so Schnieder. Er definiert Wellness zukünftig vor allem durch „eine Kombination von Gesundheit und Lust“. Jörg Hidding gab zu bedenken, dass die Vielzahl der zeitlich begrenzten Trends und Modeerscheinungen dem Megatrend Wellness eher abträglich sein könnten. Er sieht vor allem die Chance, Gesundheit mit dem „Packpapier“ Wellness an eine gesundheitsorientierte Bildungsschicht verkaufen zu können.
Medical Wellness in der Zukunft. Maria Pütz-Willems betrachtet Wellness als „die Vorstufe der Gesundheit“ mit einer sehr starken Nachfrage nach Massagen und einfachen Anwendungen. Die Neugierde der Kunden steige jedoch, da die Medien den Begriff Medical Wellness häufig aufgreifen. Eine wirkliche Etablierung dieses Begriffes sei aber noch nicht erfolgt, mehrheitlich werde der Begriff noch als Marketinginstrument verwendet. Medical Wellness müsse aber marketingtechnisch anders verpackt werden, um die Angebote auch an den Kunden verkaufen zu können.
Eine unternehmerische Hürde sieht die Journalistin in der Bezahlung angestellter Ärzte. Dies erfordere gegenüber „normalen“ Therapeuten doch erheblich mehr Mittel – zudem dürften aus Sicht der Behandlungsqualität keinesfalls nur „weniger teure“, also i.d.R. eher unerfahrende Ärzte in den Wellness-Hotels praktizieren.
Jörg Hidding merkte an, dass sich zukünftig Lerneffekte bei den Wellness-Kunden einstellen werden, wenn diese sich intensiver mit der eigenen Gesundheit auseinander setzen. Er betonte, dass die Hotels daher auch ihre Gesundheitskompetenz erhöhen müssten, um der „lernenden“ Klientel einen umfassenden und zufrieden stellenden Service anbieten zu können. Seiner Meinung nach sei es essentiell, dieses Thema sehr sorgfältig und strategisch zu entwickeln.
Mark Richter prognostiziert künftig eine sehr hohe Bedeutung von Medical Wellness für die Anbieter und wagte sogar die Aussage, dass Wellness-Hotels ohne fundierte Medical-Wellness-Angebote in den kommenden Jahren nicht existenzfähig sein werden. Essentiell wichtig sei es für Wellness-Hotels, eigene Ärzte im Haus zu haben, um eine direkte Verbindung zwischen medizinischen und Wellness-Leistungen schaffen zu können. Alfons Schnieder widersprach Herrn Richter insofern, als er Medical Wellness als reines Zusatzangebot betrachtet, nicht aber als Hauptmotor eines Wellness-Hotels.
Die teilnehmenden Hoteliers der WHD gaben darüber hinaus zu bedenken, dass eine individuelle Gästebetreuung zunehmend an Bedeutung gewinne, man sich mit entsprechenden Berufsbildern aber erst noch auseinander setzen müsse, um die Betreuungsqualität auch zu gewährleisten.
Ausländische Konkurrenz – ausländische Kunden. Laut Maria Pütz-Willems entwickelt sich Osteuropa zu einer ernst zu nehmenden Destination für Wellness-Reisen. Vor allem Ungarn, das aktiv und mit EU-Zuschüssen den Wiederaufbau von Thermalquellen vorantreibt, avanciere zu einem der führenden Wellness-Länder im Osten. Hier eröffnen sich laut Pütz-Willems aber auch Chancen für die deutschen Wellness-Hotels: Vor allem die Kunden aus Benelux und Skandinavien rücken als zukünftige Zielgruppen stärker in den Fokus.
Um sich gegen die Mitbewerber aus dem Osten abzugrenzen, propagierte Mark Richter vor allem Qualität. Der Qualitätsgedanke müsse in Deutschland konsequent umgesetzt werden, um zukünftig auch Kunden für Wellness in Deutschland zu gewinnen.
Um konkurrenzfähig zu bleiben, müsse man im Ausland vor allem auch das Markenverständnis für „Wellness in Deutschland“ stärken, ergänzte Jörg Hidding. Dies sei z.B. über die WHD-Gruppe und eine internationalere Ausrichtung möglich. Zudem müsse künftig die Innovationskraft des deutschen Wellness-Marktes gestärkt werden, um international bestehen zu können. Von den teilnehmenden Hoteliers befürwortet wurde in diesem Zusammenhang eine Zertifizierung der WHD-Hotels durch den TÜV – dies könne sich im qualitativen Wettbewerb mit internationalen Destinationen als positiv erweisen.
Die Ansprache neuer Zielgruppen. Maria Pütz-Willems sieht einen starken Anstieg der Nachfrage nach Wellness-Angeboten bei Männern – dabei vor allem nach bewegungsaktiven Angeboten. Spas erfahren ihrer Meinung nach eine steigende Bedeutung als „Social Place“, wo soziale Kontakte geknüpft werden. Zumal bis 2015 immer mehr Singles und ältere Kunden den Weg ins Wellness-Hotel finden werden. Alfons Schnieder geht davon aus, dass künftig Day-Spa-Angebote für Tagesgäste verstärkt nachgefragt werden. Jörg Hidding sieht neue Zielgruppen einerseits in Firmen, die Wellness-Hotels für Events nutzen, andererseits in Gruppen, die das Hotel als Partner für aktives Gesundheitsmanagement entdecken.
Meilenstein TÜV-Zertifizierung? Maria Pütz-Willems attestiert dem TÜV-Siegel für den Verbraucher eine große Bedeutung. Mark Richter betonte überdies, neben der Überprüfung durch den TÜV und dem Aufdecken von Schwachstellen bedürfe es einer konstanten Weiterentwicklung der Produkt- und Servicequalität. Dies sieht er als Verpflichtung für die Hoteliers an.
Jörg Hidding ergänzte, dass die Zusammenarbeit mit einer starken Marke wie dem TÜV strategische Bedeutung in der Zusammenarbeit mit großen Unternehmen und Krankenkassen haben wird. Die anwesenden Hoteliers waren zudem der Ansicht, eine Kontrolle durch den TÜV sei sehr förderlich für die konstante Weiterentwicklung der Service- und Produktqualität der Hotels.
Blick in die Zukunft. Jörg Hidding erwartet für die Zukunft ein steigendes Kundeninteresse für Wellness bei gleichzeitig steigendem Durchschnittsalter und Service-Anspruch der Kunden, was sich im Angebot eines Wellness-Betriebs niederschlagen müsse. Geht es nach Alfons Schnieder, so wird sich auf dem Wellness-Markt künftig Klasse gegen Masse durchsetzen. Auch Mark Richter machte sich vor allem für eine geschärfte Profilbildung der Hotels stark, insbesondere hinsichtlich der Kundenbetreuung. Maria Pütz-Willems sieht Chancen zur Profilierung beispielsweise im Bio-Bereich, aber auch über ein individuelles Design des Hotels. Ihrer Meinung nach werden die Bereiche Gesundheit und Wellness künftig als wesentliche Elemente in den Alltag integriert – „und hierzu“, betonte sie, „muss das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen.“
Autor: Jörg Hidding